Die Zukunft des Sounddesigns in Elektroautos

Sounddesign in Elektroautos

Unser Head of Design Lars Ohlendorf beantwortet uns Fragen zum Thema.

Die EU-Vorschriften haben die Automarken gezwungen, sich zu fragen, wie ihre Elektrofahrzeuge klingen sollen. Es geht vor allem um die Sicherheit der Fußgänger. Aber was ist mit dem Kundenerlebnis und der Markenpositionierung? Welche Rolle spielt das Sounddesign in dieser neuen Welt der leisen Autos?

Sound Design spielt bei Autos ja schon lange eine wichtige Rolle. Wie klingt der Motor, wie klingen die Türen, ja, wie klingt der Blinker? Auf Basis dieser Reize weisen Nutzer dem Auto die verschiedensten Attribute zu: sportlich, aggressiv, defensiv, sicher, klein, groß usw. Und genau deshalb wird da auch so viel Arbeit investiert. Ein Auto kann noch so sicher sein – wenn die Tür „piff“ macht, werden wir das nicht glauben; bei einem „Umpf“ aber durchaus.
Und nun wird die zentrale Klanginstanz eines Autos ersetzt: der Motor. Das zwingt alle zum Umdenken. Konsumenten müssen sich fragen, wie sie ihre Umwelt erleben wollen. Hersteller müssen überlegen, welche Designakzente sie im dann künstlich zugefügten Motorenklang setzen und welche Ziele sie damit verfolgen. Und die Politik muss letztlich diese Forderungen von Konsumenten und Produzenten unter einen Hut bringen. Keine leichte Aufgabe. Ich sehe hier aber durchaus Chancen für eine besser klingende Welt. Denn auch bei zugefügten Klängen werden die akustischen Emissionen von elektrischen Autos eher ab- als zunehmen.

Im digitalen Zeitalter ist die Personalisierung von entscheidender Bedeutung, um unsere Benutzererfahrungen zu verbessern. Glauben Sie, dass wir in naher Zukunft in der Lage sein werden, den Klang unseres Autos zu verändern, so wie wir unsere Klingeltöne ändern? Noch besser: können Sie sich vorstellen, dass unsere Autos ihren Klang je nach unserer Stimmung oder vielleicht nach dem Wetter draußen ändern bzw. anpassen?

In diesem Personalisierungs-Gedanken sehe ich große Potenziale. Allein schon, weil wir in Ballungszentren teilweise jetzt schon mehr von Mobilität sprechen als vom jeweiligen Transportmittel – ganz zu schweigen vom vielleicht eigenen Vehikel. Wenn wir in naher Zukunft mehr mit Leihfahrzeugen unterwegs sind als mit eigenen, wird so das Individuelle, das Eigene transportabel. Über einen persönlichen Log-In könnte ich in Zukunft meine Profildaten an das jeweilige Transportmittel übertragen, so dass Navigationsziele, Entertainment Programme, Stimmungslicht und vieles mehr vom Start an zur Verfügung stehen. Natürlich würde dieser Datensatz auch meine Vorlieben an Systemklängen beinhalten, ja, vielleicht sogar meine eigenen. Damit würde der Fahrer den Klang definieren, nicht mehr der jeweilige Hersteller. Und das wäre im Sinne dieses übergeordneten Mobilitätsgedankens eine ganz folgerichtige Entwicklung.

Welche Rolle spielt die „Kultur“ beim Sounddesign, speziell in dem Zusammenhang mit den Elektroautos? Und umgekehrt, welche Rolle könnten Sounddesigner und Marken spielen, um „Geschlechter-Paradigmen“ oder gar „kulturelle Paradigmen“ zu ändern oder zu modifizieren?

Kultur spielt eine immens wichtige Rolle im Design. Denn Design ist gleichermaßen Ausdruck von Kultur wie Kritik an Kultur. Entsprechend ist jedes gelungene Sound Design Ausdruck einer neuen Kultur und kontrastiert gleichermaßen die alte. Dieses Spannungsfeld macht insbesondere das Design von funktionalen Klängen so aufregend. Eine der größten kulturellen Veränderungen im Klang hat zum Beispiel die Kirche in Gang gesetzt, ganz gleich welcher Religion. Denn sie hat kulturelle Zeit hörbar gemacht. Vorher gab es nur die natürliche Zeit, hörbar am Hahnenschrei, am geschäftigen Treiben auf den Straßen und schließlich, spätabends, am Abgesang der Nachtigall. Für die christliche Welt kam die religiöse Zeit mit den Kirchenglocken, die den Tag in ora et labora, in vivere et mori strukturierte. Ein gewaltiger struktureller Wandel!
Dieses mit Absicht große Beispiel mahnt aber auch zur Demut: ein neues Anlassergeräusch ist eine schöne Sache, aber für eine Kulturrevolution reicht’s dann doch nicht so ganz.

Wie stellen Sie sich die städtischen Klanglandschaften der Zukunft vor, wenn man davon ausgeht, dass Elektro- oder selbstfahrende Autos der Standard in der Automobilindustrie sein werden? Sind Sie der Meinung, dass es in naher Zukunft ruhigere Städte geben wird? Glauben Sie, dass Elektroautos einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der Lärmbelastung leisten werden?

So lange wir unsere natürliche klangliche Landschaft nicht als etwas Wertvolles, Schützenswertes betrachten, werden unsere Städte immer lauter werden und technischer klingen. Daran führt auch kein e-Auto vorbei. Denn es gibt ja zahlreiche weitere Entwicklungen in der Mobilität: Cargo-Drohnen, für die Amazon-Lieferung bis zum Schiffscontainer, sowie auto-ähnliche Kleinflugzeuge, Flug-Taxis zum Beispiel. Bei aller Ingenieurskunst – wie viel leiser als Helikopter können die sein? Dazu kommen steigende Einwohnerzahlen in Ballungszentren, dichtere Bebauung, mehr Klimatechnik – ich bin nicht sicher, dass die Städte der Zukunft leiser werden. Ich denke vielmehr, dass die städtische Soundscape dringend auf die politische Agenda gehört. Büdnis90/Grüne – anyone?

WESOUND